…die letzte Woche vor der Ausstellungseröffnung. Hier nun der Pressetext zu Buch und Ausstellung (ganz unten auch noch der englische Text):
Ich liebe Dich, ich hasse Dich, ich freu mich so, ich glaub ich sterbe: selten schwanken unsere Gefühle so extrem wie während der Teenagerjahre. Die Neuentdeckung des eigenen Ichs rückt dieses ganz groß ins Zentrum. Eltern und Lehrer werden zu Zaungästen, unscharf an den Rändern der Wahrnehmung sich aufhaltend. Alles passiert zum ersten Mal. Alles. Und es ist immer total und absolut.
Zu allem kommt ein Gefühl der Einzigartigkeit und des Unverstandenseins. Das macht einsam, aber auch überlegen und stark. Zu stark für die Enge der Provinz. Es ist die Zeit der Partys in den Häusern und Wohnzimmern der anderen Eltern -hoffentlich kommen die auch wirklich erst Sonntag wieder- und die der Ausbruchsversuche, an deren Folgen man sich am nächsten Morgen gar nicht mehr erinnern möchte. Und am Montag in Mathe reicht die Freundin einen Zettel rüber um alles noch einmal genau zu bereden.
Diese in endlosen, zwischen den Wochenenden liegenden Schulstunden verhandelten elementaren Nichtigkeiten, dialogisch notiert auf hin- und hergereichten Zetteln: Julia Müller hat sie, aus einem früh erwachten Sammlerinstinkt heraus, aufbewahrt. Und schon in damals war die Kamera stets dabei. Julia Müller hielt drauf, wenn es spannend wurde: mit schlechter Optik, wackeliger Hand und fiesem Blitz. 1999 entdeckte Müller die in Schuhkartons auf dem Dachboden des Elternhauses eingelagerten Schätze wieder. Im Fotografie-Studium in Leipzig entstand die Idee, Zettelnachrichten und Knipserfotos in einem Künstlerbuch zusammenzubringen.
Mit gebastelten Aufsichtsvorlagen, die in einem studentischen Copyshop schlichtweg auf Größe gebracht und farbkopiert wurden, realisierte Julia Müller das Künstlerbuch Sudden Death: das rotzig-punkige Portrait einer Jugend auf dem Land in den frühen 90er Jahren. Nun hat sie, 15 Jahre nach Erscheinen der ersten Ausgabe und mit gereiftem Blick, das Buch neu arrangiert. Anderes ist in den Mittelpunkt gerückt, Erinnerungen haben sich verschoben und vermischt mit Nostalgie.
Nostalgie nicht nur für eine Zeit im Leben sondern auch für den handschriftlichen Zettel und den analogen Schnappschuss, der als 9×13 Papierabzug aus dem Drogeriemarkt kam. Auch für eine Zeit ohne Handys, Facebook und Youtube. Die Unbeschwertheit und der Liebeskummer, die Lebensfreude und der Weltschmerz, die Größe der Empfindungen, die peinlichen Momente und die Abwesenheit der ahnungslosen Eltern im Mikrokosmos Pubertät. Sudden Death zeigt all dies mit einer sehr berührenden Echtheit. Das Buch offenbart nicht nur die sehr persönliche Geschichte der Schülerin Julia Müller, es öffnet sich auch einem universellen Blick auf die altbekannten, immer gleich bleibenden Themen und Probleme der Jugend. Oder vielleicht auch nicht? Dann vergeß es, es ist eh alles ganz anders…
Danke an Katja Renner für diesen schönen Text! http://www.katjarenner.de/
I love you; I hate you; I’m so glad; I feel like dying: rarely are our feelings in as great a turmoil as during our teenage years. First discovery of one’s own ego gets it smack dab big into focus. Parents and teachers turn into bystanders, blurred on the fringes of perception. It’s all happening for the first time, all of it, and always totally and absolutely. Add to that this feeling of being unique and, by the same token, misunderstood. It makes you lonesome, but also superior and strong; too strong for provincial constriction. This is the time of partying at other parents’ homes, in their family rooms – in the hope they’ll really do return only on Sunday – and of attempted escapes you’d rather not retain a memory of come next morning. And on Monday your best friend slips you a note during maths class wanting to hash it all out once again.
Those essential trivia, discussed during those endless school hours between weekends, recorded in dialogue form on notes passed to and fro: Julia Müller, guided by an earlyroused collector’s instinct, kept a hold of them. And even back in the day a camera, too, was always around. Julia Müller pointed the lens at things whenever they turned exciting: with shitty optics, a shaky hand, and a nasty flash.
In 1999 Müller rediscovered her treasures, stored in shoe boxes in her parent’s attic. During photography studies at Leipzig the idea came up to collate those scribbled notes and snapshots into an artist’s book. With handcrafted reflection copies, blown to size and color Xeroxed at a campus copy shop, Julia Müller realized the artist’s book Sudden Death: the snottily-punkish, yet dense portrait of one rural youth in the early nineties.
Now, fifteen years from the first edition, and with a seasoned view on the matter, she has rearranged the book. Other things have moved to center stage; memories have shifted and mingled with nostalgia. Nostalgia not only for a bygone time in one’s life, but also for the scribbled note and the analogue snapshot that came as a 9 by 13 cm drugstore print. It is nostalgia, too, for a time before cell phones, Facebook, or YouTube.
Minds carefree and lovesick, joy of life and world-weariness, the greatness of emotions, the embarrassing moments, and the absence of one’s clueless parents from the microcosm of puberty: Sudden Death shows it all with truly touching authenticity. Not only does the book reveal the very personal story of Julia Müller the student, it opens itself up as well to a universal perspective on those well-known, never-changing topics and problems of youth. …or maybe it doesn’t? Forget it then, it’s totally something else anyway.
